Von #MeToo bis „Viva Mexico!“

Gestern Nacht fand in Los Angeles die 90. Oscar-Verleihung statt. Foto: Elena Zaxarova / Shutterstock

Das war sie also, die 90. Oscar-Gala in Hollywood, die erste nach Weinstein und „#MeToo“: ein Abend zwischen Ehrung, Teufelsaustreibung, Solidaritäts-Adressen, politischen Bekundungen. Moderator Jimmy Kimmel feiert die Oscar-Statue als einen Mann, der die Hände bei sich hat, aus dessen Mund keine Schmähungen kommen, der dazu noch ohne Penis sei. Vorbildlich! Die Filmwelt signalisiert „Wir haben verstanden“. Sie demonstriert den Schulterschluss mit den Erniedrigten und Beleidigten, demontiert den Ignoranten im Weißen Haus (ohne ihn beim Namen zu nennen) und tut alles, um ein Signal zu senden: Das neue Hollywood ist ein Hort der liberalen Vielfalt, wo Männlein und Weiblein für eine bessere Welt ohne Diskriminierung arbeiten. Halleluja, Amen!

Moderator, Präsentatoren und Geehrte nutzten die Oscars als Podium für menschenfreundliche Botschaften. Mit Salma Hayek, Ashley Judd und Annabella Sciorra traten drei  von Weinsteins Anklägerinnen auf die Bühne, um ein neues Zeitalter der Gleichheit zu proklamieren. Mehrfach  wurde der Nachbar Mexiko geehrt, jedes Lob für das Land, seine Bewohner, seine Kultur eine Ohrfeige für Amerikas Latino-Hasser. „Coco“ gewann den Oscar als bester Animationsfilm, einen für den besten Song noch dazu. Ein warmherziger Filmspaß rund um das mexikanische „Fest der Toten“, das die Oscar-Gala auf der großen Showbühne farbenfroh nachstellte.

Vier Oscars für neuen del Toro-Film

Ein „Viva Mexiko!“ hörte man auch während der vier Ehrungen für „Shape Of Water“ vom mexikanischen Regisseur Guillermo del Toro, prämiert als bester Film, für die beste Regie, die beste Musik, bestes Szenenbild. In den wichtigen Kategorien Regie und bester Film konnte sich mit del Toro der hoch gehandelte Favorit durchsetzen.

Regisseur Guillermo del Toro nimmt seinen Oscar für den Besten Film entgegen. Screenshot: Kai-Uwe Brinkmann

Die ganz großen Überraschungen blieben aus auf der Gala in Hollywoods Dolby Theatre. Weder gewann Greta Gerwig (mit „Lady Bird“ einzige Regisseurin unter den Nominierten), noch war Kamerafrau Rachel Morrison („Mudbound“) erfolgreich – der Kamera-Oscar ging an Richard Deakins, der „Blade Runner 2049“ fotografierte. Oft genug waren die Herren Preisträger auf der Bühne unter sich, was Damen wie Frances McDormand (beste Hauptdarstellerin in „Three Billboards…“) erst recht anzuspornen schien, eine Geste in Sachen Frauenpower einzufordern: „Alle starken Frauen bitte aufstehen!“

Der Oscar für McDormand (ihr zweiter, 21 Jahre nach „Fargo“) geht absolut in Ordnung, wobei sie Meryl Streep („Die Verlegerin“) und Saoirse Ronan („Lady Bird“) ausstach: McDormands Porträt einer taffen, kratzbürstigen, resoluten Mutter, die ihre Tochter verlor, hat soviel Herzblut, dass man versteht, warum ihre Drehpartner Woody Harrelson und Sam Rockwell (Oscar als bester Nebendarsteller) im Film vor der Dame kapitulieren.

Frances McDormand hielt eine emotionale Rede über Frauenrechte. Screenshot: Kai-Uwe Brinkmann

Bester Hauptdarsteller 2018 wurde Gary Oldman, der in „The Darkest Hour“ Winston Churchill verkörpert, eingekleidet in einen Fettanzug und eine Gesichtsmaske, die den Oscar-Juroren die Trophäe im Fach Make-up wert war. Sowohl Oldman wie McDormand können mit ihren herausragenden Performances derzeit im Kino besichtigt werden, es lohnt sich. Ebenfalls noch auf dem Spielplan unserer Kinos: „Call Me By Your Name“, die Geschichte einer Liebe unter Männern, für die Altmeister James Ivory den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch bekam.

Für sein Originaldrehbuch zu „Get Out“ heimste Jordan Peele überraschend einen Goldjungen ein. Anerkennung für einen außergewöhnlichen Horrorfilm mit sozialkritischem Subtext, der  eine Frankenstein-Geschichte mit dem Thema Rassismus verknüpft.

Gleichheit in Verschiedenheit

Was gibt es noch zu vermelden? Die verdienten Oscars für „Dunkirk“ in technischen Kategorien: Christopher Nolans Kriegsdrama gewann Trophäen im Fach bester Ton, bester Schnitt, bester Tonschnitt. Der Auslands-Oscar geht in diesem Jahr nach Chile an „Eine fantastische Frau“ von Sebastian Lelio. Die fantastische Frau ist in diesem Melodram eine Transgender-Frau, gespielt von Daniela Vega, ebenfalls nicht als Frau geboren. Auch dieses Votum bei den Oscars lässt sich durchaus als Statement der Filmbranche verstehen: Wir sind für Gleichheit in Verschiedenheit. Sei, was Du sein willst! Respekt.

Ja, vielleicht war die Oscar-Nacht 2018 tatsächlich ein wenig vorhersehbar, rund gelutscht und handzahm in ihrem Bestreben, alles (politisch) korrekt zu handhaben, keinem auf die Füße zu treten, keinen auszuschließen, keine schlafenden Hunde zu wecken. Altruismus, über den sich alle einig sind, hat nicht unbedingt den höchsten Unterhaltungsfaktor. Von daher hat es schon spannendere Oscar-Shows gegeben als diese, die vor allem der Standortbestimmung und Selbstvergewisserung diente.

Aber: Wenn eine Veranstaltung mit der größten Promi-Dichte des Planeten den Donald aus Washington wissen lässt, er werde in Hollywood kein Bein auf die Erde kriegen, ist das allemal eine tröstliche Botschaft. KUB

 

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