Sieger-Orakel: Verleihung 92. Oscars

Nominierte Oscars 2020
Unser Kino-Kolumnist Kai-Uwe Brinkmann hat sich die Nominierten der Oscars 2020 zur Brust genommen und ein wenig Orakel gespielt. Seine Favoriten hat er uns verraten und begründet. // Foto: Shutterstock

Nicht jeder hat Zeit und Stehvermögen, sich vom 9. auf den 10. Februar (also Montag gaaanz früh) die Nacht um die Ohren zu schlagen, um die Verleihung der „Oscars“ 2020 zu verfolgen. Es ist die Top-Glamour-Show der Welt, unerreicht die Promi-Dichte, riesengroß die Neugier, leider nach den Uhren in Los Angeles getaktet.

Trotzdem ist das Rätselraten, wer denn den Goldjungen mit nach Hause nimmt, ein beliebtes Gesellschaftsspiel,  nicht bloß bei Film-Verrückten. Unter Freunden kann man ja mal eine Prognose wagen, einen „todsicheren“ Tipp abgeben oder eine Wette eingehen.

Das machen wir heute auch. Wissend, dass sogenanntes „Expertentum“ gar nicht sonderlich hilfreich ist, selbst wenn man diverse Kandidaten im Kino gesehen hat. Gute Filme sind sowieso alle, die es in die Endauswahl schafften. Okay, Qualität liegt im Auge des Betrachters…

Genderfragen und Ethnien-Proporz

Daneben entscheiden auch andere Faktoren über Sieg und Niederlage. Der Nimbus von Regisseuren. Die Meinung, dass der oder die endlich „mal dran“ sein müsse. Und schwer einzuschätzende gesellschaftspolitische Dinge – nach „Metoo“ und „Time’s up“ vor allem Genderfragen, Geschlechter- und Ethnien-Proporz.

Mit anderen Worten: Den Sieger vorhersagen zu wollen, läuft auf die gute, alte „Kreml-Astrologie“ hinaus: Nichts Genaues weiß man nicht, aber wir möchten glauben, dass das Politbüro so und so entscheiden wird! Da könnte man auch gleich den Kraken bemühen, der als tierisches Orakel damals alle Fußballergebnisse der WM „wusste“.

„Beste Regie“: Keine Frau unter den Nominierten

Egal, auf geht’s, wir orakeln munter drauflos, wenigstens in den wichtigen Kategorien der Oscar-Verleihung 2020. Und geben eine kurze, höchst subjektive Begründung, wenn’s recht ist. Beim Stichwort Geschlechter-Proporz sind wir schon bei der Rubrik „Beste Regie“. Wieder mal keine  Frau nominiert, tzz-tzz-tzz, dicker Hund, tönte es nach Bekanntgabe der Nominierten: Martin Scorsese („The Irishman“), Sam Mendes („1917“),  Quentin Tarantino („Once Upon A Time In Hollywood“), Todd Phillips („Joker“), Bong Joon-ho („Parasite“).

Al Pacino und Robert de Niro in Irishman
Zwei Meister ihres Fachs in dem Film eines weiteren Meisters seines Fachs. In Martin Scorseses Mafia-Epos „The Irishman“ spielen Al Pacino (l.) und Robert de Niro (r.) ein weiteres Mal fiese Mafiosis. Al Pacino könnte für seine Rolle den Oscar als bester Nebendarsteller bekommen – zumindest, wenn es nach unserem Kino-Fachmann geht. // Foto: Netflix

Orakel, orakel: Wir glauben, dass dieser Oscar an Martin Scorsese (77) gehen wird. Weil er mal wieder dran ist, 13 Jahre nach „The Departed“. Weil „The Irishman“ vielleicht sein letzter großer Mafia-Film ist, der auch die Essenz der früheren wie „Good Fellas“ und „Casino“ in sich trägt. Und weil wir glauben, dass die Arbeiten von Scorseses Mitbewerbern in anderen Kategorien gewürdigt werden sollten.

„Bester Film“: Grabenkriege, Hollywood-Stars und eine Ehekrise

Namentlich das Weltkriegs-Epos „1917“ von Sam Mendes: Für uns und viele andere der Favorit in der Kategorie „Bester Film“. Ein imponierendes Gesamtpaket aus Drehbuch, Inszenierung, Kamera-Konzept (gefühlt ohne Schnitte gedreht) und meisterlich gehandhabter Filmlogistik. Packendes Kino aus der Ich-war-dabei-Perspektive, das uns den beklemmenden Irrsinn des Grabenkriegs und die permanente Nähe des Todes fühlen lässt.

Das sagen wir, obwohl mit „Joker“ ein weiteres Meisterstück im Rennen steht, dazu die köstliche Nazi-Farce „JoJo Rabbit“, die wunderbaren „Little Women“ von Greta Gerwig (einzige Dame im Feld), auch Tarantinos „Once Upon A Time…“, die allerorten gelobte „Marriage Story“ von Noah Baumbach oder eben „The Irishman“. Gewinnen kann nur einer…

„Beste/r Hauptdarsteller/in“: Doppelter Comeback-Effekt

Nicht ganz so eng, jedenfalls für uns, wird es bei den Hauptdarstellern. Bei den Ladies dürfte alles auf Renée Zellweger („Judy“) zulaufen: Bravourös spielt sie eine Judy Garland zwischen Absturz und Applaus, und weil sie ein paar Jahre nicht vor der Kamera stand, kommt noch ein gewisser Comeback-Effekt zum Tragen. Hollywood liebt nämlich  Stehaufmännchen und -frauchen, die sich mit einem Knall zurückmelden.

Joaquin Phoenix in seiner Rolle als Joker
„Put on a happy face“ – Joaquin Phoenix lebt die Rolle als Joker förmlich. Dafür wird er wohl sehr wahrscheinlich den Oscar als „Bester Darsteller“ mit nach Hause nehmen. Ist sich zumindest unser Kolumnist recht sicher. // Foto: Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. TM & © DC Comics / Niko Tavernise

Ähnlich entschieden votieren wir für Joaquin Phoenix („Joker“) als besten Hauptdarsteller, der einen düsteren Realwelt-Comic (aus einem Gotham genannten New York) mit einer fantastischen Vorstellung krönt. Film und Hauptdarsteller sind ein Ereignis, das über die  Grenzen aller noch so großen Marvel- und DC-Universen hinausgeht. Wenig Chancen für Leonardo DiCaprio (im neuen Tarantino) oder Antonio Banderas (im neuen Almodóvar „Leid und Herrlichkeit“).

„Beste/r Nebendarsteller/in“: Nazi-Mutter und Obermafiosi?

Den Oscar für den besten Nebendarsteller könnte, sollte, müsste Al Pacino einheimsen, der im „Irishman“ so energetisch aufdreht, dass er sogar Robert DeNiro an die Wand spielt, und das will etwas heißen. Ein Brad Pitt (ebenfalls nominiert für seinen Part bei Tarantino) wird Al Pacino niemals das Wasser reichen können, basta!

Wir sind bei den besten Nebendarstellerinnen: Scarlett Johansson, die in  „JoJo Rabbit“ die Mutter des kleinen Nazi-Pimpfes spielt? Laura Dern für „Marriage Story“? Oder doch Florence Pugh in „Little Women“? Schwer, schwer. Wir wünschen uns Scarlett Johansson, auch weil sie bei den Hauptdarstellerinnen (wo sie für „Marriage Story“ nominiert ist) vermutlich von Zellweger abgehängt werden wird.

Spielzeugfiguren, Frauenquote und eine Höllenfahrt

Bester Animationsfilm? Ganz klar „Toy Story 4“, weil auch der vierte Film seine Spielzeugfiguren mit viel, viel Seele auflädt und dabei technisch makellos ist. Bestes Originaldrehbuch? Womöglich das von Noah Baumbach für sein Beziehungsdrama „Marriage Story mit Johansson und Adam Driver.

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Auch im vierten Teil der Animationsreihe „Toy Story“ stürzt sich Buzz Lightyear mit seinen Kameraden wieder in spannende Abenteuer. Für unser Orakel auf jeden Fall ein ganz heißer Kandidat auf einen Oscar. Foto: Disney/Pixar. All Rights Reserved.

Bestes adaptiertes Drehbuch? An Greta Gerwig, womit die Frauenquote steigen würde? Oder doch an Todd Phillips und Scott Silver für ihre Höllenfahrt mit dem „Joker“? Ganz ehrlich – unser innerer Krake kann sich absolut nicht entscheiden. Hier möchten wir ausnahmsweise passen. Bester fremdsprachiger Film? Wir votieren für „Leid und Herrlichkeit“, auch weil wir den großen Favoriten „Parasite“ für grandios überschätzt halten.

Unsere Tipps für Kamera und Kostüm

So. Mit den populärsten Oscar-Kategorien wären wir durch. Ein paar wollen wir  noch checken, weil sie eminent wichtig sind für das Gelingen eines Kinostücks. So wie die Arbeit der Kameraleute. Eigentlich wollten wir sagen: Kameramänner, was politisch inkorrekt wäre, aber das Feld der Wettbewerber korrekt beschreibt.

Der Brite Roger Deakins („1917“) ist der heißeste Anwärter auf den Kamera-Oscar. Gewonnen hat er ihn bereits 2018 für „Blade Runner 2049“. Wir sagen „Ehre, wem Ehre gebührt“, und wünschen ihm seine zweite Trophäe. Beim Oscar fürs Kostümdesign könnten wieder Frauen punkten: Arianne Phillips hat für Tarantino die coolen 60er-Jahre aufleben lassen, sehr schön. Und Jaqueline Durran sorgte bei den „Little Women“ für schmucken historischen Look. Gönnen wir Quentin Tarantino doch auch mal was – Phillips gewinnt!

Alles Unsinn oder doch ein gutes Händchen?

Mmmh. Kann es sein, dass wir unsere Oscars wie mit der Gießkanne verteilt haben? Ja, sieht so aus: Du hier nicht, aber dafür kriegst du dort einen ab. Vielleicht ist dieses Orakel auch ein Vollversager, und es kommt alles anders? Dass ein Film bei der Oscar-Verleihung zum Mega-Abräumer avanciert, wäre ja keine Neuheit. Ist aber nicht sehr wahrscheinlich. Selten gab es so viele wirklich tolle Streifen in der Konkurrenz.

Macht Euch den Spaß, spielt  Hollywood-Orakel, wettet auf Eure Favoriten! Die Auflösung folgt in der langen Oscar-Nacht am 9. Februar. KUB

 

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