Quo vadis, Berlinale?

Die 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin haben international wieder für viel Aufmerksamkeit gesorgt – positiv wie negativ. Foto: Schlomberg

Die Bären sind verteilt, die Promis abgereist. Die 69. Berlinale ist vorbei, die cineastische Messe gelesen, und die Ära Dieter Kosslick damit Geschichte. 18 Jahre hat der Umtriebige aus Pforzheim das Filmfest an der Spree geleitet, mit schwarzem Hut und rotem Schal ist er zu einer Berlinale-Marke geworden. Kosslick tummelte sich auch 2019 putzmunter und lässig auf allen roten Teppichen, scherzte mit den Fotografen, war für jeden Spaß zu haben.

Als Festivaldirektor hat der 70-Jährige einen neuen Stil geprägt. Er war volksnah ohne Berührungsängste, zeigte sich im Rampenlicht, ohne eitel zu wirken. Kein Vergleich mit seinem Vorgänger Moritz de Hadeln,  der stocksteif, linkisch, verlegen neben den Stars stand, als absolviere er eine unbequeme Pflichtübung.

Kosslick war der Mann, der einer winterlichen Veranstaltung menschliche Wärme einzuhauchen verstand. Einer, der die Betriebstemperatur einer ganzen Metropole erhöhte, als er mit dem Festival in die Fläche ging und die Reihe „Berlinale goes Kiez“ etablierte, die die kleinen Programmkinos der Hauptstadt zu Spielorten der Berlinale machte.

Ohne schwarzen Hut und roten Schal konnte man Dieter Kosslick in 18 Jahre Berlinale-Leitung nur äußerst selten sehen. Das Bild zeigt ihn im Berlinale Palast bei der Premiere des spanischen Films „Elisa Y Marcela“. Foto: Schlomberg

„Zu groß, zu überbordend, zu beliebig“

Er hob Nebenreihen wie „Das kulinarische Kino“ aus der Taufe, unter ihm wuchsen die Filmfestspiele mehr und mehr in die Breite, auf zuletzt gut 400 Filme in diversen Sektionen. Mit 350.000 verkauften Karten ist die Berlinale heute das mit Abstand größte Publikumsfestival der Welt. Ein Wachstum, das auch Kritiker auf den Plan rief: Zu groß, zu überbordend, zu beliebig, inhaltlich nicht scharf fokussiert sei das Programm unter Kosslick, so der Vorwurf, der 2017 in einem offenen „Brandbrief“ von 79 Regisseuren und Regisseurinnen gipfelte.

Der Berliner Festivalkörper müsse abspecken, hieß die Forderung, der sich auch Fatih Akin anschloss.  Ausgerechnet Akin. Kosslick holte ihn 2004 in den Wettbewerb, wo Akins „Gegen die Wand“ den Goldenen Bären gewann. Dass deutsche Filmschaffende dem Mann in den Rücken fielen, der das heimische Kino auf der Berlinale wie kein anderer protegiert hat, muss Dieter Kosslick geschmerzt haben. Er lächelte es weg, goss kein Öl ins Feuer, er trat nicht zurück – nicht gegen die Briefeschreiber, nicht vom Amt des Festivalleiters. Kosslick ist keiner, der die Konfrontation sucht. Vom Naturell her ist er viel zu sehr Netzwerker und Brückenbauer, der nicht einreißt, was er über Jahre aufgebaut hat.

Beobachter beim Sieger des Goldenen Bären einig

Und so lächelte er auch 2019 neben Fatih Akin, als der am Potsdamer Platz seinen neuen Film „Der Goldene Handschuh“ präsentiert, den Kosslick wieder in den Wettbewerb gehievt hat. Einen Wettbewerb, den viele im Nachhinein als „unterdurchschnittlich“ bezeichnen. Mit einem mediokren Eröffnungsfilm (Lone Scherfigs „The Kindness Of Strangers“), sperrigen Geduldsübungen wie Angela Schanelecs „Ich war zuhause, aber…“, braven Rührstücken wie Hans Peter Mollands „Pferde stehlen“ und eben Fatih Akins deftig-schmierig-brutalem Gruselkabinett um den Serienmörder Fritz Honka, der wie das Abziehbild eines Quasimodo-Proleten daherkommt. Mit Nadav Lapids „Synonymes“ (um einen heimatlosen Israeli, der auch in Paris mit seiner jüdischen Identität fremdelt) hatte der Wettbewerb immerhin einen würdigen Sieger und Träger des Goldenen Bären, da waren die Beobachter sich einig.

Der Berlinale Palast am Potsdamer Platz ist alljährlich der Place-to-be für Promis, Cineasten und Schaulustige. Foto: Schlomberg

18 Jahre Berlinale – Ein Rückblick auf die Ära Kosslick

Ein Rückblick auf die Ära Kosslick zeigt auch, welche Forderungen an die Berlinale deren Leiter unter einen Hut zu bringen hat. Als Festival in einer ehemaligen „Frontstadt“ des Kalten Krieges hatte die Berlinale immer auch einen politischen Auftrag. Kosslick musste den Spagat zwischen politisch relevanter, ambitionierter Filmkunst (aus dem Osten oder aus kleinen Filmnationen) und großen Hollywood-Produktionen meistern, denn Hollywood-Stars bescherten der Berlinale einen Anstrich von Glamour, mit dem die Konkurrenz im sommerlichen Cannes ungleich üppiger wuchern kann.

Kommerzfilme bringen Weltstars an die Spree, Filme etwa des Iraners Jafar Panahi („Taxi Teheran“) bescheren dem  Festival aber eine politische Debattenkultur und eine inhaltliche Tiefe, die mindestens so wichtig ist, wie Schnappschüsse mit George Clooney, Willem Dafoe oder Charlotte Rampling. Man darf Dieter Kosslick bescheinigen, dass er diesen Spagat über all die Jahre ziemlich gut hingekriegt hat, allen Anfechtungen zum Trotz. Bären-Gewinner hatten immer eine Agenda, die über gut gemachte Unterhaltung und Zeitvertreib hinausging.

Kosslicks Lebenslauf Futter für Kritiker

Und doch wollten die nicht verstummen, die Kosslicks Qualitäten als Programm-Macher infrage stellten. Er sei ein Manager, ein Organisator, aber eben kein reinrassiger Cineast, so der Vorwurf. Futter finden Kosslicks Kritiker in dessen Lebenslauf, der ihn tatsächlich als geschäftigen  Tausendsassa vieler Gremien, weniger als visionären Kurator ausweist: 1983 wurde er Geschäftsführer der Filmförderung in Hamburg, 1992 übernahm er die frisch gegründete Filmstiftung NRW, wo er bis 2000 tätig war und mithalf, das Land zum gefragten Dreh- und Filmstandort zu machen.

Dieter Kosslick (3.v.l.) genießt die Aufmerksamkeit und die Anerkennung. Für viele ist sein Talent als Planer, Stratege, Strippenzieher und Türöffner in der Branche einzigartig. Das Bild zeigt ihn auf dem roten Teppich vor dem Berlinale Palast bei der Premiere des spanischen Films „Elisa Y Marcela“. Foto: Schlomberg

Kosslicks Talent als Planer, Stratege, Strippenzieher und Türöffner ist unbestritten, an seinem Filmverstand wurde gezweifelt. Kosslicks schwärzeste Stunde schlug womöglich 2006, als er das Potenzial von Florian Henckel von Donnersmarcks „Das Leben der Anderen“ nicht erkannte und den Film nicht in den Wettbewerb der Berlinale ließ. Peinlich für Kosslick, dass der Film den Oscar gewann, an der Kinokasse einschlug und auch heute noch als herausragend gilt. Dafür hat er reichlich Häme eingesteckt. Kosslick schüttelte sich, verbreitete (gespielte?) Gelassenheit und machte unbeirrbar weiter. Bis heute.

Abschied mit rauschendem Ausstand

Die Berlinale 2019 bereitete ihm einen rauschenden Ausstand. Anke Engelke und Max Raabe sangen ihm ein Ständchen, Freunde und Weggefährten waren voll des Lobes. Tom Tykwer nannte ihn einen emsigen „Roadrunner“, „X-Filme“-Produzent Stefan Arndt lobt ihn als wichtigsten Fürsprecher des deutschen Kinos. Mit dem Talent-Campus für Newcomer und dem European Filmmarket hat Kosslick wichtige Branchentreffs unter dem Dach der Berlinale installiert, die die geschäftliche und wirtschaftliche Komponente des Festivals enorm stärken.

Er übergibt den Stab nun an ein Duo, mit dem die Berlinale zum ersten Mal Künstlerisches und Kaufmännisches trennt: Der Italiener Carlo Chatrian kommt vom kleinen, feinen Filmfestival in Locarno und gilt als cinephiler Filmfreak. Die Holländerin Mariette Rissenbeek war Geschäftsführerin von „German Films“ und als Lobbyistin für deutsches Kino im Ausland tätig. Beide sind mit Fünf-Jahres-Verträgen ausgestattet. Neue Besen kehren gut? Man wird sehen, wie die beiden das Erbe Dieter Kosslicks verwalten, an welchen Stellschrauben sie drehen, welche Akzente sie setzen. „Ich bleibe der Berlinale auf jeden Fall als häufiger Gast und Kinogänger erhalten“, sagt der frühere Festivalleiter und lächelt sein schelmischstes Grinsen. KUB

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