Puppen, Knete oder CGI?

Die Aardman Studios in Bristol produzieren weiterhin Stop-Motion-Filme aus Knete. Foto: Shutterstock

Die „Shrek“-Fime, die „Cars“-Reihe, diverse „Toy Stories“, „Findet Nemo“, die „Ice Age“-Serie, mehrere Teile „Ich – Einfach unverbesserlich“ samt seinem Ableger „Minions“: Wir haben uns daran gewöhnt, dass Kinostreifen aus dem Rechner den Ton angeben, wenn es um Trickfilme geht.

Zwar sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt, doch in der Umsetzung muss es eben manchmal die „Computer Generated Imagery“ (CGI) sein, die die imaginierten Welten eines Autors zum Leben erweckt. Egal, wie viele Programmierer und Bildgestalter wie lange an den Entwürfen sitzen und sie digital bearbeiten. Oder hätte es Sinn gemacht (und sich gerechnet), die Bilder für ein komplexes Szenario wie die Stadt in „Zoomania“ von Hand zu erstellen und zu animieren? Wohl eher nicht.

Geht schon in Ordnung. Wir leben im digitalen Zeitalter. Und die Technik zur Kreation fantastischer Welten ist so ausdifferenziert, dass Designer aus der Spielebranche den Weltenschöpfern der Filmindustrie Bälle zuspielen  und beide profitieren. Wenn die Trickserei am Rechner Meisterwerke wie Disneys Mexiko-Hommage „Coco“ oder das Metropolis für Tiere „Zoomania“ abwirft, haben wir nichts zu meckern.

Zukunft des klassischen Trickfilms

Und wo bleibt der Trickfilm  klassischer Machart? Erledigt und ausgestorben? Video killed the Radiostar? Lebt der alte Holzmichel noch? Ja, er lebt noch: Wir freuen uns auf Filme wie „Steinzeit bereit“ (startet Ende April) und „Isle Of Dogs“ (ab 10. Mai), die das gute alte Handwerk endlosen Gefummels hoch halten: Beide sind Stop Motion-Animationen, Abfolgen tausender Schnappschüsse, Filmbild für Filmbild, 24 Bilder pro Sekunde. „Steinzeit bereit“ kommt aus dem Hause Aardman, das uns schon „Wallace und Gromit“ bescherte: Figuren aus Knete also. Wogegen Wes Anderson für „Isle Of Dogs“ mit Puppen arbeitete.

Beide Streifen zeigen, dass der Trickfilm alter Schule nicht ausgedient hat, weil er eigene Qualitäten besitzt. Die Liebe zu Ausstattung und Detail ist eine davon. Kulissen müssen gebaut werden, die Lichtsetzung muss ganz real und analog ausbaldowert sein. Puppen kriegen Kostüme geschneidert, Himmel und Wolken oder die Schrottplatz-Insel bei Anderson sind im Miniformat zu gestalten. Und dann bewegen sich die Figuren – pro Bild eine Winzigkeit, bis der Eindruck fließender Abläufe entsteht.

Nach allem, was bisher zu sehen war, hat „Isle Of Dogs“ das Zeug zu einem schräg humorigen Endspiel mit Hunden, rein optisch steht Wes Anderson damit in Nähe zu seinem wunderbaren Stop-Motion-Puppenstück „Der fantastische Mr. Fox“ (2009), mit einem Reineke Fuchs als Helden.

Die Kunst des Kickens

Und was liefert uns die Knet-Fabrik aus Bristol, wo Aardman Animations residiert? Nun „Early Man“ (Originaltitel), bei uns um den Zusatz „Steinzeit bereit“ ergänzt, reicht nicht ganz an den spleenigen Humor von „Wallace und Gromit: Die Jagd nach dem Riesenkaninchen“ heran, punktet aber trotzdem mit dem Charme seiner Machart und launigen Ideen. Ein Prolog, womöglich von Kubricks Eröffnung zu „2001“ inspiriert, erzählt, wie die Urmenschen einst den Fußball erfanden. Dann ging die Kunst des Kickens verloren, bis Generationen später die Sippe eines Jungen das Spiel wiederentdeckt.

In der Stadt einer Bronze-zeitlichen Kultur wird Fußball im Kolosseum gespielt, und die Wilden aus dem Wald sollen gegen die örtlichen Kicker-Gladiatoren antreten. Der Witz der Produktion (Regie: Nick Park) liegt wie immer bei Aardman im (gekneteten) Detail: Zeitlupen für Stadiongäste werden mit Marionetten nachgestellt. Chef der gegnerischen Mannschaft ist ein blonder Prahlhans und Muster-Teutone namens Jürgen.

Sidekick des Jungen aus dem Wald ist ein uriger Wildschwein-Keiler, der so als Charakter nur als Knetfigur denkbar ist: Der Überbiss lässt ihn herrlich doof aussehen. In seiner lustigsten Szene kommt der Keiler in die Verlegenheit, dem Imperator eine Massage verabreichen zu müssen. Und Harfe spielen darf er auch – köstliche Slapstick-Momente. In einer Sequenz läuft der 70er-Hit „Tiger Feet“ von Mud, dazu sehen wir Füße, Füße, Füße aus Knete.

Die Figuren mit ihren wurstigen Lippen und Knopfaugen, die liebevolle Knete-Ausstattung, Zitate und zwinkernde Verweise sind Markenzeichen der Aardman-Filme, die ihre Nische im Bereich des Trickfilms wacker behaupten  gegen die Konkurrenz, die am Computer fabriziert. Solange die Qualität stimmt und Intelligenz den Humor prägt, muss man sich um den guten alten handgemachten Trickfilm keine Sorgen machen. Es wird ihn geben, solange Kinogänger für das Spielerische und Unperfekte ein Auge haben, denn erst dann – nicht beim Foto-Realismus – wird unsere Fantasie aktiv gefordert. Kino ohne Fantasie wäre bloß Glotzerei. KUB

 

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