Gala mit deutlich politischen Tönen

In der gestrigen Nacht fand in Amerika die 91. Oscar-Verleihung statt. Neben einigen Überraschungen bei den Auszeichnungen stand die Gala im Fokus von Aufklärung und Bekenntnissen – für Vielfalt und Akzeptanz. Foto: Elena Zaxarova

Überraschung: „And the Oscar goes to – Green Book!“ Diesen Gewinner in der wichtigen Kategorie „Bester Film“ hatten die wenigsten auf dem Zettel, die Riege der Hollywood-Astrologen hatte sich im Vorfeld mehr oder minder auf „Roma“ als haushohen Favoriten geeinigt.

In der vergangenen Nacht flimmerte sie wieder über den Bildschirm, die Veranstaltung mit der größten Promi-Dichte des Planeten – die 91. Oscar-Verleihung, in diesem Jahr halb Glitzer-Gala und halb Kundgebung. Hollywood zeigte nämlich Flagge und zwar eine bunte: In Moderationen und Dankesworten wurden Lanzen gebrochen für die multikulturelle Gesellschaft, für Schwarze, Latinos, Migranten, für die Gleichheit  der Frauen und der Ethnien.

Schluss mit dem Rassismus, weg mit den Mauern in den Köpfen und an den Grenzen.  Friss das hier, Donald Trump! Die süffisanten Spitzen vieler Reden wurden zur Botschaft an einen Mann, den keiner namentlich erwähnte, der aber für alle das Feindbild liefert.

„Do the right thing!“ – kämpferische Rede von Spike Lee

Immer wenn „Roma“ vom Mexikaner Alfonso Cuarón erwähnt wurde (stolze zehn Mal nominiert), ging ein erwartungsfrohes Raunen durch den Saal, ähnlich war es bei „Black Panther“, dem Superhelden-Spektakel mit schwarzer „Hautfarbe“.  Am Ende heimste Cuarón drei Oscars ein: beste Regie, bester fremdsprachiger Film, beste Kamera. „Black Panther“ sicherte sich ebenfalls drei „Goldjungs“ (für  Musik, Kostüme, Szenenbild). Oscars in anderen Sparten hätte der Film auch nicht verdient, ist er im Kern doch bloß eine Variation der reichlich abgenudelten Comic-Erfolgsformel, allerdings mit viel Afro-Folklore-Tünche.

Beste Regie, beste Kamera, bester fremdsprachiger Film: Drei Oscars gingen an den Mexikaner Alfonso Cuarón für „Roma“. Foto / Screenshot: Brinkmann

Ja, es war eine Oscar-Gala mit deutlich politischen Tönen. Mehr als einmal ächzten und schluchzten gerade die farbigen Preisträger unter der Bürde, als Galionsfigur der „black community“ sprechen zu wollen oder zu sollen, es floss so manche Träne der Rührung.

Nicht heulsusig, sondern kämpferisch trat Spike Lee an, der den Oscar fürs beste adaptierte Drehbuch (zu „BlackkKlansman“) mit nach Hause nahm: Er hechelt sich durch Amerikas Geschichte, erinnert an die Sklaverei und die Ausrottung der Indianer und schlägt einen Bogen zur nächsten Präsidentenwahl 2020: „Wir alle wissen, was auf dem Spiel steht. Wir haben die Wahl zwischen Liebe und Hass. Do the right thing! Den Spruch konnte ich mir nicht verkneifen.“

„Wird nicht wieder vorkommen!“

Wenn Rami Malek (bester männlicher Hauptdarsteller als Freddie Mercury in „Bohemian Rhapsody“) daran erinnert, dass er das Kind ägyptischer Einwanderer und ein „Amerikaner der ersten Generation“ sei, brandet Applaus auf, weil jeder weiß, was er damit sagen will. „Bohemian Rhapsody“ erntet auch die Trophäen für den besten Schnitt (John Ottman), besten Ton und besten Tonschnitt.

Eine faustdicke Überraschung war der Hauptdarsteller-Oscar für Olivia Colman („The Favourite“), die eine lange als Siegerin gehandelte Glenn Close aus dem Rennen schlug. „Glenn, du warst immer schon mein Idol“, sagte Colman auf der Bühne in Richtung Close: „Tut mir leid, dass es heute so gelaufen ist. Wird nicht wieder vorkommen!“

Beste Nebenrolle: Mahershala Ali (für „Green Book“) bei seiner Dankesrede. Foto / Screenshot: Brinkmann

Zum zweiten Mal bekam Mahershala Ali die Trophäe für die beste Nebenrolle, 2017 für „Moonlight“, nun für seine Verkörperung des Pianisten Don Shirley in Peter Farrellys „Green Book“. Ein würdiger Preisträger. In einem Film, dem manche vorwerfen, er banalisiere das Thema Rassismus, weil er einen Kumpelfilm mit viel Menschelei – also bequeme Unterhaltung – daraus mache. Die Academy in Los Angeles sah das anders und prämierte Peter Farrelly und Co-Autoren auch mit dem Oscar fürs beste Originaldrehbuch.

Berührende Show-Einlage von Gaga & Cooper

Dass die Oscar-Nacht 2019 keinen festen Moderator hatte, war übrigens kein Handicap, wie man im Nachhinein konstatieren darf. Im Gegenteil: Wenn Stars aus Film und Showgeschäft (etwa Barbra Streisand, Pharrell Williams, Daniel Craig, Julia Roberts) als Laudatoren  und Ansager auftreten, wird der Auftrieb an hochkarätiger Prominenz  noch größer und die Show strahlt eben noch heller.

Lady Gaga und Bradley Cooper singen „Shallow“ auf der Oscar-Gala, ausgezeichnet als bester Song. Foto / Screenshot: Brinkmann

Show-Einlagen gehören zu jeder Oscar-Nacht. Die berührendste gehörte Lady Gaga und Bradley Cooper. Die gingen zwar leer aus für ihre Schauspielerei in Coopers Regiedebüt „A Star Is Born“, doch zum Trost bekam ihr Duett „Shallow“ den Oscar als bester Filmsong. Gemeinsam zelebrierten sie das Lied auf der Bühne, Lady Gaga am Klavier, Cooper neben ihr. Wunderbar.

Kampf für ein Amerika der Vielfalt

Und was noch? „Spider-Man: A New Universe“ schlägt „Isle of Dogs“ und „Die Unglaublichen 2“ und wird bester Animationsfilm. „First Man – Aufbruch zum Mond“ mit Ryan Gosling als Astronaut Neil Armstrong wird für seine visuellen Effekte ausgezeichnet. Der Oscar für Make-up und Frisuren geht an das Trio, das einen moppelig gefutterten Christian Bale für „Vice“ in den deutlich älteren Vizepräsident Dick Cheney verwandelt hat.

Es war eine Oscar-Nacht mit zügiger Dramaturgie und keinerlei Leerlauf. Geprägt von einer massiven Star-Power, die ihr ganzes Gewicht in die Waagschale warf, um von Los Angeles eine Botschaft in die Welt zu senden. Wir sind viele, wir kämpfen für ein Amerika der Vielfalt und wir haben eben erst begonnen. Der Mann im Weißen Haus kann es kaum überhört haben. KUB

 

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