Dortmund: Frauen. Filme. Festival.

Das Key Visual des Internationalen Frauenfilmfestivals 2019 (c) Desiree Palmen

Filme von Frauen, nicht nur für Frauen. Diese sichtbar zu machen und ihnen ein Podium zu geben, ist ein Ziel des Internationalen Frauenfilmfestivals Dortmund / Köln, hervorgegangen aus der Fusion zweier Festivals in zwei Städten.

In der kommenden Woche (9. bis 14. April) startet das 36. Frauenfilmfestival, turnusgemäß in diesem Jahr in Dortmund angesiedelt, während eine Auswahl des Programms in der Domstadt zu sehen ist. Rund 120 Filme werden gezeigt, acht davon im Spielfilm-Wettbewerb.

Dazu gibt es Specials (etwa „Tricky Women“ mit Animations-Arbeiten), Sonderprogramme (auch für Schulklassen), Workshops, Diskussionen, Performances und Vorführungen im Stadtbild: Dabei steuern die Zuschauer mit dem Fahrrad Spielstätten im öffentlichen Raum an: „Shorts on Wheels“ (Donnerstag, 11.4., 20 Uhr, Start am Kino im U) bietet quasi Filme to Go, und das ohne Eintritt.

Erstes Filmfestival unter neuer Leitung

Es ist das erste Filmfest unter Leitung von Dr. Maximiliane  „Maxa“ Zoller (43), die im Herbst die Geschäfte von ihrer Vorgängerin Silke J. Räbiger übernahm, die 26 Jahre im Amt war und schon den Festival-Vorläufer „Femme Totale“ mit aus der Taufe hob.

Maxa Zoller, Filmwissenschaftlerin und Publizistin, hat lange in London und zuletzt sechs Jahre in Kairo gelebt, wo sie Dozentin an der Amerikanischen Universität war. Welche Akzente will die neue Leiterin setzen, was gibt es zu verbessern an der Marke „Frauenfilmfestival“?

Die neue Leitung des Internationalen Frauenfilmfestivals – Dr. Maxa Zoller / Foto: Julia Reschucha

„Ich möchte, dass die gute Arbeit, die hier geleistet wurde und wird, noch heller  nach außen strahlt, auch ins Ausland“, erklärt Maxa Zoller. „Wir werden uns kräftiger vernetzen als ohnehin, unsere Themen schärfen und Frauen ins Kuratoren-Team holen, die nicht aus dem deutschen Raum kommen. In meinem ersten Jahr hat Noor Afshan Mirza ein Programm gestaltet, die in London und Istanbul lebt. Ich, die aus Kairo nach Deutschland kam, habe selbst gemerkt, dass der Blick von außen manches erkennt, das hier nicht so ins Auge sticht. Um ein Beispiel zu geben: In Deutschland wird so getan, als lebten wir in einer Oase, wo alle gleich sind und gleiche Chancen haben.“

Frauen in Filmbranche weiterhin unterrepräsentiert 

Und dem ist nicht so? „Aber sicher nicht“, sagt Maxa Zoller: „Im Filmgeschäft werden Frauen nach wie vor untergebuttert, sie kommen weit weniger zum Zuge als Männer, wenn es darum geht, ihre Geschichten zu erzählen. Dabei stellen Frauen einen hohen Anteil der Studierenden an den Filmschulen. Der sich aber nicht in ihren Möglichkeiten im Regieberuf spiegelt. Mit dem Festival wollen wir zeigen, dass Frauen genauso tolle Filme machen wie die männlichen Kollegen.“

Gibt es sonst noch Themen aus der deutschen Wirklichkeit, die Max Zoller am Herz liegen? Oh, ja, ihr fallen viele ein: „Stand und Klasse spielen bei uns kaum eine Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung. Manche Milieus kommen in Film und  Fernsehen nicht oder kaum zu ihrem Recht. Dabei leben wir in einer Klassengesellschaft mit einem Oben und Unten. Frauen der Mittelschicht unterscheiden sich von denen aus dem Arbeitermilieu. Wir tun aber so, als seien alle gleich, ist mein Eindruck. Filme zu finden und zu präsentieren, die sich dieser Thematik annehmen, ist unsere Aufgabe und Pflicht.“

„Das ist mein großer Wunsch, daran arbeiten wir.“

Wo bleiben die Filme über Menschen aus dem deutschen Osten, die nach der Wende unter die Räder kamen, fragt Maxa Zoller. Wo hört man etwas über die Kinder amerikanischer Soldaten und ihr Leben in Deutschland?

Das seien die Debatten, die sie führen wolle: „Ich möchte, dass das Festival solche Themen auf dem Radar hat und damit eine Diskussion anstößt. Es reicht aber nicht, Filme zu zeigen. Wir müssen solche Inhalte auch vermitteln und den Zuschauern klar machen, warum das Thema ihr Leben angeht. Das Persönliche ist politisch, heißt ein treffender Slogan aus den 70er-Jahren. Der persönliche Bezug ist entscheidend, dann kommen Denkprozesse in Gang, das weiß ich aus meiner Tätigkeit als Dozentin. In unseren Filmgesprächen beim Festival möchten wir diese Dinge vertiefen. In einer freundlichen Atmosphäre, wo alle sich wohlfühlen. Das ist mein großer Wunsch, daran arbeiten wir.“

Alle Spielorte des Frauenfilmfestivals 2019

Das Internationale Frauenfilmfestival startet am Dienstag (9.4. 19.30 Uhr, im Dortmunder Cinestar) mit dem Eröffnungsfilm „The Man Woman Case“, einem Gerichtsthriller von Anais Caura, der den frühen (und wahren) Fall einer Transgender-Persönlichkeit aufrollt, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Australien prozessierte. Stamm-Kinos des Festivals sind die Schauburg und das Kino im U, aber auch im Jazzclub domicil werden Filme zu sehen sein.

In der Schauburg laufen auch die acht Beiträge des Internationalen Spielfilmwettbewerbs, darunter Arbeiten aus Deutschland, Amerika, Brasilien, Österreich. Carolina Hellsgards „Endzeit“ (Fr, 21 Uhr) ist ein Zombie-Thriller: Vivi und Eva müssen den Untoten entkommen und sich in die letzten menschlichen Bastionen Weimar und Jena durchschlagen.

Szene aus dem Wettbewerbsfilm „Endzeit“ von Carolina Hellsgards. Foto: ZDF/Arte/ Grown Up Films/kinderfilm GmbH

Desirees Akhavans „The Miseducation of Cameron Post“ (Do, 18 Uhr) erzählt von einem Mädchen aus Montana, dem im christlichen Umerziehungslager sein Lesbisch-Sein ausgetrieben werden soll. Annemarie Jacir  schickt in „Wajib“ (Mi, 20 Uhr) einen palästinensischen Architekten von Rom in seine Heimat, wo eine Hochzeit stattfindet. Eine Fahrt durch Nazareth mündet in ein launiges Roadmovie, das plastisch den Alltag im Heiligen Land einfängt.

„Bilderfallen: Täuschung, Tarnung, Maskerade“

Im „Fokus“, dem Themen-Programm des Festivals, dreht sich alles um „Bilderfallen: Täuschung, Tarnung, Maskerade“: Zu sehen sind listige Filme, die ihr Publikum aufs Glatteis führen. Die sich als Doku tarnen („The Watermelon Man“ von Cheryl Dunye), um sich als „Mockumentary“, als clevere Erfindung, zu entpuppen. Oder wie Jennifer Reeders „Knives And Skin“ als klassischer Thriller zu starten, um in bizarre feministische Science Fiction zu münden.

Szene aus dem Film „Knives And Skin“ von Regisseurin Jennifer Reeders. Foto: IFFF

Im Kurzfilm-Programm „Café Kosmos“ (Sa, 18 Uhr, domicil) gibt es Amateurfilme aus dem Ruhrgebiet zu sehen, entstanden in den 50er- bis 80er-Jahren. Ein Stück Alltagsgeschichte von unten. Die kleine Freiheit im Partykeller trifft die genormten Rituale der Familie. Ein Filmabend zwischen „So-war-das-damals-Nostalgie und dem befreienden Lachen darüber, dass manche Dinge der Vergangenheit angehören.

Festival für Herz, Hirn, Auge und Ohr

Im Deutschen Fußballmuseum ist das Festival am Freitag um 18.30 Uhr zu Gast. Gezeigt wird die Dokumentation „Khartoum Offside“ von Marwa Zein, die die sudanesische Fußball-Nationalmannschaft porträtiert, die der Frauen wohlgemerkt. Ein Film über Kickerinnen, denen Knüppel über Knüppel zwischen die Beine geworfen werden. Die aber trotzdem gegen alle Widerstände für ihren Sport kämpfen.

Mit dem Konzert der Dortmunder Musikerin Trixstar, die von Rap und HipHop zu Reggae und Dancehall fand, hat das Frauenfilmfest auch ein musikalisches Schmankerl zu bieten. Begleitet wird Trixstar von ihrer sechsköpfigen Band, und das Domicil ist der richtige Ort für ihre Performance – am Samstag um 22 Uhr. So wird ein Festival für Herz, Hirn, Auge und Ohr auch noch zum Festival fürs Tanzbein. KUB

Programm und Infos: www.frauenfilmfestival.eu

 

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