Dicke Überraschung bei 92. Oscars

In der Nacht auf den heutigen Montag, 10. Februar, fand im Dolby Theatre in Los Angeles die 92. Oscar-Verleihung statt. Es war ein Abend der Überraschungen und Sensationen. Foto: Elena Zaxarova

„Parasite“ aus Südkorea ist der sensationelle Gewinner des Abends. Die Kapitalismus-Parabel von Regisseur Bong Joon-ho wurde mit vier Oscars prämiert, bester fremdsprachiger Film, beste Regie, bester Film, bestes Originaldrehbuch!

Da war selbst Bong Joon-ho geplättet, als er so viele Gänge zur Bühne absolvieren musste: „Nach dem dritten Oscar habe ich gedacht, das war es, das ist wirklich mehr als genug!“ Joon-hos Film gewann gegen solche Schwergewichte wie Todd Philipps‘ „Joker“ , Martin Scorseses „The Irishman“, Sam Mendes‘ „1917“ oder Quentin Tarantinos „Once Upon A Time In Hollywood“ – was den Koreaner zu einer fast entschuldigenden Laudatio auf sein Idol Martin Scorsese motivierte. Motto: Dich zu schlagen, war niemals mein Ziel…

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Sichtlich verdutzt schaut Regisseur Bong Joon-ho drein, nachdem er mehrfach auf der Bühne des Dolby Theatres einen Oscar entgegen nehmen durfte. // Screenshot: Kai-Uwe Brinkmann

Scorsese, Tarantino und die anderen Abgehängten nahmen es sportlich, was auch sonst. Sie machten gute Miene zum verlorenen Spiel und applaudierten dem sichtlich perplexen Gewinner, der in Südkorea zum neuen Nationalheiligen werden dürfte.

Man muss die Begeisterung der Oscar-Academy nicht unbedingt teilen (wir hatten „Parasite“ längst nicht so stark gesehen), doch einmal mehr sorgte deren Votum für einen spannenden Abend. Es lässt sich immer auch ein wenig Politik hineinlesen, wenn ein Außenseiter und Ausländer in Hollywood Lorbeer und Krone zugesprochen bekommt…

Politische Töne waren auf der Preisgala im Dolby Theatre auch an anderer Stelle zu hören: „Ich habe bloß 45 Sekunden“, sagte Brad Pitt, als er sich seinen Oscar abholte (beste Nebenrolle in Tarantinos Film): „Das ist immerhin mehr Zeit, als der Kongress John Bolton einräumte.“ Eine Anspielung auf das Impeachment-Verfahren, wo der Trumpkritiker Bolton nicht gehört wurde.

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Brad Pitt nutze seine 45 Sekunden lange Dankesrede für politische Töne. // Screenshot: Kai-Uwe Brinkmann
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Überraschter Blick von Joaquin Phoenix als sein Name in der Kategorie „Bester Hauptdarsteller“ genannt wurde. // Screenshot: Kai-Uwe Brinkmann

Auch der Oscar prämierte Joaquin Phoenix („Joker“, bester Hauptdarsteller) wurde in seiner Dankesrede grundsätzlich politisch, als er seinem Land ins Stammbuch schrieb, es kreise zu sehr um sich selbst und sehe sich als „Zentrum des Universums“. „Niemand hat das Recht, andere dominieren zu wollen“, schob Phoenix hinterher, bevor er mit dem Hinweis, wir nähmen armen Kälbern die Muttermilch, um sie in unseren Kaffee zu schütten, doch sehr – ähem: „weitschweifig“ wurde.

Ja, Politik war durchaus ein Thema beim großen Promi-Auftrieb in Los Angeles. Chris Rock und Steve Martin (die als „Presenter“ auftraten) erinnern daran, dass 1929 bei den Oscars kein einziger Schwarzer nominiert war. „Und wie sieht es aktuell aus?“, fragt Chris Rock. „Wow, genau ein Farbiger ist in den wichtigen Kategorien dabei.“ „Welch ein Unterschied, da hat sich enorm viel getan“, assistiert Steve Martin.

Das geläuterte, liberale, bessere Amerika

Wer immer bei der Oscar-Nacht an die Relevanz von Frauen, Minderheiten, Diskriminierten erinnerte, durfte sich des Beifalls sicher sein. Zeigt euch, seid präsent, erhebt eure Stimme, fordert eure Rechte ein, lautet der mehrfach gehörte Appell von der Bühne des Dolby Theatres. Einmal mehr präsentierte sich Hollywood (nach den „Metoo“-Erschütterungen) als das geläuterte, liberale, bessere Amerika. Der feine Herr Trump wurde mit keinem Wort erwähnt. Dass er unter Amerikas Kino-Kreativen wenig Freunde hat, war ohnehin klar.

Vorrangig ist die Oscar-Verleihung natürlich keine politische Veranstaltung, sondern eine Show vom Elefantentreffen der Branche. Die aber pflichtbewusst daran erinnert, dass sie auf altem Indianerland stattfindet, soviel politische Korrektheit muss wohl sein.

Im Unterhaltungsteil traten Randy Newman, Eminem (mit Fussel-Vollbart), Billie Eilish und Elton John auf. Elton John und sein Texter Bernie Taupin heimsten einen Goldjungen (bester Song) für „(I’m Gonna) Love Me Again“ aus dem Biopic „Rocket Man“ ein.

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Shootingstar Billie Eilish brachte mit viel Gefühl und in Gedenken an Hollywoods verstorbene Filmgrößen ihre Version von „Yesterday“ auf die Bühne im Dolby Theatre. // Screenshot: Kai-Uwe Brinkmann
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Elton John performte live seinen mit einem Oscar prämierten Song aus dem Biopic „Rocketman“. // Screenshot: Kai-Uwe Brinkmann

Und weiter mit den Gewinnern: Kommen wir zu denen, die viele auf dem Zettel hatten: Beste Hauptdarstellerin wurde Renée Zellweger für ihre Verkörperung der Judy Garland. Der Oscar für die beste Nebenrolle ging an Laura Dern („Marriage Story“), bester Animationsfilm wurde erwartungsgemäß „Toy Story  4“.

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Renée Zellweger konnte nach vielen erfolgreichen Filmen erstmals einen Oscar als „Beste Hauptdarstellerin“ mit nach Hause nehmen. // Screenshot: Kai-Uwe Brinkmann

Favoriten siegten in den „Nebenkategorien“

Was war mit den hoch gehandelten Favoriten „1917“, „Once Upon A Time in Hollywood“ und „Joker“? Nun, „1917“-Kameramann Roger Deakins bekam seinen zweiten Oscar, auch den Ton des Kriegsdramas von Sam Mendes befand die Academy  für preiswürdig, dazu noch die visuellen Effekte. Tarantinos Streifen errang  eine weitere Trophäe fürs beste Szenenbild. Todd Philipps‘ „Joker“ siegte bei der Filmmusik – hier ließ mit Hildur Gudnadôttir eine Frau die männliche Konkurrenz hinter sich, was es lange nicht gab.

Greta Gerwig (für „Little Women“ nicht nominiert, was im Vorfeld für Kritik sorgte) durfte sich immerhin mit Jacqueline Durran über den Kostüm-Oscar freuen. In den Kategorien „Schnitt“ und „Tonschnitt“ hatte James Mangolds Rennfahrer-Geschichte „Le Mans 66“ die Nase vorn. „JoJo Rabbit“ errang den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch.

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Greta Gerwig konnte sich über den Oscar für das „Beste Kostümdesign“ im Film „Little Women“ freuen. // Screenshot: Kai-Uwe Brinkmann

Bester Dokumentarfilm wurde  „American Factory“, der Arbeiter in Ohio und in China besucht und im Subtext vom Wirtschaftskrieg zweier Supermächte erzählt, der auf dem Rücken der kleinen Leute ausgetragen wird. Finanziert wurde der Film von Michelle und Barack Obamas Produktionsfirma. Als die Regisseure Julia Reichert und Steven Bognar auf der Bühne von Gemeinsamkeiten der Arbeiter auf der ganzen Welt sprachen, wurde auf der Oscar-Nacht für einen Moment sogar die linke Utopie einer Internationale der Arbeiterklasse beklatscht.

Star-Aufgebot der Extraklasse

Was im Nachhinein neben  solchen Statements von der 92. Oscar-Verleihung in Erinnerung bleibt, ist aber der beispiellose Auftrieb an Stars und Promis. Schon bei  den „Presenters“ traten Weltstars wie Sigourney Weaver, Jane Fonda, Gal Gadot, Salma Hayek, Tom Hanks, Penelope Cruz und Rami Malek an: An jedem anderen Ort der Welt würde eine solche Riege ein Promi-Erdbeben auslösen. In Los Angeles aber sind die Herrschaften bloß schmückende Staffage einer noch größeren Show, die in diesem Jahr vor allem in Südkorea für unglaublichen  Siegestaumel sorgte.

Einige der preisgekrönten Filme werden mit Sicherheit auch bei sommerlichem Wetter im PSD Bank Kino laufen. Wer sie bisher verpasst hat, bekommt also eine zweite Chance, Oscar-Knaller auf der Leinwand zu sehen. KUB

 

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