Berlinale vom Sofa

Goldener Bär für „Touch Me Not“, einen Debütfilm aus Rumänien, der zwischen  Doku und inszeniertem Spiel von der Sexualität behinderter Menschen erzählt. Ein Film, den die Kritiker „unbequem“, „herausfordernd“ oder „furchtlos“ nannten, der jedoch viele Besucher vorzeitig aus dem Kino trieb, wie man hört. Typisch Berlinale – ein Sieger, den manche nicht aushalten.

Gestern, am 25. Februar, gingen die 68. Berliner Filmfestspiele zu Ende, die im knackig kalten Winter antreten, den Cineasten das Herz zu wärmen. An die 340.000 Karten wurden verkauft, die Hardcore-Filmfreaks flogen hoch vor Freude. Örtliche und Angereiste „jetten“ jeden Spree-Winter von Kino zu Kino, von Film zu Film. Wer nicht Minimum vier Filme pro Tag auf dem Kerbholz hat, darf gar nicht mitreden!

Und wir Daheimgebliebenen schauen von außen auf Deutschlands einziges Filmfestival der A-Kategorie:  Neidisch? Wehmütig? Traurig, nicht dabei zu sein? Ach, was. An dieser Stelle ein Trostpflaster für alle, die die Berlinale als Sofasurfer und TV-Gucker wahrgenommen haben: Kopf hoch, ihr habt euch Stress, Lauferei, Warterei und manchen Frust erspart. Denn die Wirklichkeit ist nun mal viel, viel schnöder und weniger glamourös als das mediale Getöse uns glauben macht.

Stars wie Willem Dafoe, Jeff Goldblum, Idris Elba, Isabelle Huppert, Joaquin Phoenix sieht man in Berlin sowieso nur von fern, und dafür lungert man fröstelnd am roten Teppich herum. Längst nicht jeder Promi macht auch ein Selfie mit dir. Und längst nicht jeder Film, für den geduldig Schlange stehend eine Karte ergatterst,  entpuppt sich als Knaller – wenn man denn eine Karte bekommt. Unvergessen, wie der Autor dieser Zeilen einst eine gefühlte Ewigkeit auf der Toilette des „Zoo Palastes“ verbrachte, um sich ohne Ticket in einen Woody Allen-Film zu schmuggeln. Wohlgemerkt trotz Presse-Ausweis vom Festival. Okay, Schnee von gestern, ist lange her.

Forum für Filme mit Botschaft

Lange, bevor Dieter Kosslick (69) Festivalleiter wurde, der jetzt auf 17 Amtszeiten zurückblicken kann. Auch unter seiner Ägide (2018 zum vorletzten Mal) blieb die Berlinale ein Festival, das mit dem Kommerzkino verhalten flirtet (weil Stars Schlagzeile machen), das aber gleichzeitig in die Filmkunst abseits des Mainstreams verliebt ist. In eigenwillige Arbeiten fern des Gewohnten, warum nicht aus Afghanistan, den Philippinen, dem Iran?

Oder aus Rumänien wie der aktuelle Sieger-Streifen „Touch Me Not“, den Jury-Präsident Tom Tykwer für seine Andersartigkeit lobte. Der „Goldbär“ 2018 scheint zu bestätigen, was böse Zungen schon lange munkeln: Dass Berlin-Gewinner fast immer Kassengift seien, ohne Chance auf großes Publikum. Ein „Sex-Film“, wie der Boulevard vorschnell posaunte, dürfte der Film von Adina Pintilie aber nicht sein. Nichts das uns erregen will, eher die experimentelle Erkundung eines Terrains der Intimität, das sonst im Privaten bleibt, so urteilen Filmkritiker von Rang. Anderes hätte uns auch gewundert – in der Zeit der fundamentalsten Sexismus-Debatte seit Ewigkeiten sind im Showgeschäft alle Fühler weit ausgefahren, damit man  nicht in Fettnäpfchen tappt, die mit Sex oder dessen Zurschaustellung zu tun haben.

Was auch für die Berlinale gilt, wo traditionell Show und Entertainment auf eine mehr oder minder politische Agenda treffen. In Konkurrenz zu den Festivals von Cannes oder Venedig (die mehr Star-Power, schönere Kulissen und höhere Temperaturen bieten) hat Berlin schon immer die politische Karte gezogen und damit trotzig ein „Alleinstellungsmerkmal“ behauptet, das unbequeme, engagierte, politische Filme zu Gewinnern machte: „Esmas Geheimnis“ kreiste um Vergewaltigungen im Bosnienkrieg, „In This World“ um Flüchtlinge aus Afghanistan, „U-Carmen“ erzählte von einer Theatertruppe in einem Township Südafrikas. Keiner dieser Streifen hatte das Zeug zu einem Kassenhit. Berlinale-Jurys kürten sie trotzdem zu Siegern, um ein Zeichen zu setzen: Hier ist das Festival, das Filmen mit Anliegen und Botschaft ein Forum gibt!

Die Berlinale 2018 soll in ihrem Wettbewerb qualitativ stark gewesen sein, im Großen und Ganzen tendenziell so politisch, wie lange nicht, hört man von Leuten, die es wissen müssen. Nach allem, was man las und im Fernsehen sah, gibt es keinen Grund, das nicht zu glauben. Für tägliche Berlinale-Happen in bewegten Bildern ist die Berichterstattung von 3Sat konkurrenzlos. Es gibt Filmschnipsel zu sehen, kritische Anmerkungen, Interviews, Eindrücke vom roten Teppich oder von Partys und Empfängen – Informationen, die kein noch so fleißiger Berlinale-Pilger jemals vor Ort erlaufen kann.

Ausgestoßene Hunde auf einer Müllinsel

Man hockt bequem im geheizten Wohnzimmer, sieht und hört, was Schauspieler und Regisseure zu sagen haben – und macht sich ein Bild. Jawohl, Willem Dafoe ist ein Sympathikus Rex, jetzt auch Träger eines Ehrenbären fürs Lebenswerk. Idris Elba – wir haben es geahnt – ist eine coole Sau, die hundemüde im Interview und weniger müde mit Fans vorm Kino eine gute Figur macht. Elbas Regiedebüt „Yardie“ erzählt vom Leben in London unter Maggie Thatcher und wird hoffentlich bei uns ins Kino kommen – jetzt schon vorgemerkt.

Definitiv vorgemerkt haben wir uns den deutschen Wettbewerbsbeitrag „Drei Tage in Quiberon“, wo Marie Bäumer als Romy Schneider zu sehen ist und eine tolle Vorstellung hinlegt, wie man in den kurzen Ausschnitten schon erkennt. Christian Petzold war mit „Transit“ ebenfalls im Bärenrennen und ging leer aus: Macht aber nichts – ein Petzold-Film mit Franz Rogowski und Paula Beer kann kein schlechter sein. Bei „In den Gängen“, ebenfalls deutsch, trifft Rogowski auf seine Schauspiel-Partnerin Sandra Hüller, und auch hier reichen schon die Namen, um Vorfreude auf dieses Liebesdramolett aus dem Großmarkt zu wecken.

Aha – was haben wir noch gelernt vor der Flimmerkiste:  Steven Soderbergh hat den Psychiatrie-Thriller „Unsane“ mit dem Smartphone gefilmt, da ist man neben der Stalker-Story auch auf den Look der Geschichte gespannt. Und Wes Anderson bescherte der Berlinale die meisten Starbesuche: Bill Murray, Bryan Cranston und Jeff Goldblum beehrten das Festival, weil sie in Andersons Puppentrickfilm „Isle Of Dogs“ als Sprecher zu hören sind. Es geht um ausgestoßene Hunde auf einer Müllinsel. Andersons Witz und kauzige Poesie gehen Hand in Hand, und einen deutschen Startermin gibt es auch schon, den 10. Mai.

Wir freuen uns auf diese und andere Berlinale-Filme, von denen wir bisher nur Appetithäppchen sahen. Den ein oder anderen gucken wir dann entspannt, stressfrei und inmitten sommerlichen Grüns und unter freiem Himmel bei uns im PSD Bank Kino an der Seebühne des Westfalenparks. KUB

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